Life Science M&A in Österreich: Warum wenige Transaktionen den Markt prägen

Die aktuellen Analysen des österreichischen M&A-Marktes zeigen ein bemerkenswertes Muster: Das Gesamtvolumen der Transaktionen wird häufig von wenigen, aber sehr großen Life-Sciences-Deals in den Bereichen Pharma, MedTech und BioTech geprägt, nicht von einer breiten Zunahme an Transaktionen.

Auf den ersten Blick könnte dies auf eine besonders dynamische Deal-Aktivität hindeuten. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Der österreichische Markt spiegelt eine strukturelle Entwicklung wider, die sich auch international beobachten lässt: Im Life-Sciences-Sektor zählt weniger die Häufigkeit von Deals als ihr außergewöhnlich hoher Wert und ihre strategische Relevanz.

Um diese Dynamik zu verstehen, lohnt es sich, die wirtschaftlichen und regulatorischen Besonderheiten der Branche näher zu betrachten.

Innovation statt Umsatz als Bewertungsmaßstab

In vielen Branchen konzentrieren sich Unternehmensübernahmen primär auf etablierte Geschäftsmodelle mit stabilen Umsätzen und vorhersehbarem Wachstum. Life-Sciences-Transaktionen folgen häufig einer anderen Logik.

Erworben werden nicht nur bestehende Geschäftstätigkeiten, sondern vor allem zukünftige Innovationen. Bewertet werden daher insbesondere Vermögenswerte wie:

  • klinische Entwicklungsprogramme
  • Patente und andere IP-Portfolios
  • regulatorische Zulassungen oder Zulassungspfade
  • Plattformtechnologien und proprietäre Daten
  • Exklusivitätszeiträume und Marktstrategien

Diese Faktoren können erhebliches wirtschaftliches Potenzial bergen. Gleichzeitig erfordern sie häufig langfristige Investitionen sowie komplexe regulatorische Verfahren, bevor ein Produkt überhaupt auf den Markt gelangt.

Daher spiegeln Bewertungen im Life-Sciences-Sektor oft weniger den aktuellen Umsatz als vielmehr den strategischen Wert künftiger Innovationen wider. Dies erklärt, warum Transaktionen in dieser Branche häufig besonders hohe Volumina erreichen.

Warum sich dieser Effekt in Österreich besonders deutlich zeigt

Der österreichische Life-Sciences-Sektor ist stark forschungsorientiert und international vernetzt. Viele Unternehmen sind Teil globaler Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsstrukturen. Potenzielle Erwerber stammen daher häufig nicht aus dem unmittelbaren nationalen Umfeld, sondern aus internationalen Pharma-, Biotechnologie- oder Medizintechnologieunternehmen.

Diese internationale Einbindung hat zwei wesentliche Folgen:

  1. Unternehmensbewertungen orientieren sich häufig an globalen Branchenbenchmarks und nicht primär an nationalen Marktbedingungen.
  2. Schon wenige strategisch bedeutende Transaktionen können die Gesamtstatistik des österreichischen M&A-Marktes maßgeblich beeinflussen.

In einem vergleichsweise kleinen Markt kann daher eine begrenzte Anzahl großer Deals das Gesamtbild der Transaktionsaktivität deutlich prägen.

Die eigentliche Komplexität von Life-Sciences-Transaktionen

Während Transaktionsvolumen und Kaufpreise häufig im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung stehen, liegt die eigentliche Komplexität von Life-Sciences-M&A oft an anderer Stelle.

Die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer Transaktion hängt häufig von Faktoren ab wie:

  • der Belastbarkeit und Reichweite des IP-Schutzes
  • regulatorischen Zulassungspfaden und Zeitplänen
  • Datenrechten und datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen
  • Produkthaftungsrisiken
  • Produktions- und Qualitätsanforderungen
  • regulatorischen Anforderungen in verschiedenen Jurisdiktionen

Diese Aspekte sind nicht bloß Begleitfragen einer Transaktion. Sie können entscheidend dafür sein, ob das zugrunde liegende Geschäftsmodell tatsächlich realisierbar ist.

Gerade in stark regulierten Branchen wie Pharma, Biotechnologie oder Medizintechnologie sind regulatorische Strategien und IP-Strukturen häufig untrennbar mit der wirtschaftlichen Logik einer Transaktion verbunden.

Wenn Regulierung und Innovation den Deal bestimmen

Damit unterscheidet sich Life-Sciences-M&A fundamental von vielen anderen Branchen. In weniger regulierten Sektoren lassen sich rechtliche Fragen häufig im Rahmen der Transaktion selbst lösen. Im Life-Sciences-Bereich hingegen bestimmen regulatorische Rahmenbedingungen, Datenregime und Patentrechte häufig bereits den tatsächlichen Wert des zu erwerbenden Unternehmens.

Transaktionen in diesem Bereich erfordern daher ein besonders tiefes Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Innovation, Regulierung und wirtschaftlicher Verwertung.

Bedeutung für den österreichischen M&A-Markt

Die wachsende Bedeutung des Life-Sciences-Sektors innerhalb der österreichischen M&A-Statistiken verdeutlicht eine breitere strukturelle Entwicklung. Innovationsgetriebene Industrien können nationale Transaktionsmärkte überproportional prägen – selbst wenn die absolute Anzahl der Deals vergleichsweise gering bleibt.

Für Investoren, Unternehmen und Berater bedeutet dies, dass erfolgreiche Transaktionen in diesem Bereich ein Verständnis für die Schnittstelle zwischen Unternehmensstrategie, Regulierung und geistigem Eigentum voraussetzen.

Gerade diese Schnittstelle dürfte auch künftig eine zentrale Rolle bei Life-Sciences-Transaktionen spielen.

Autorin

Francine Brogyányi ist Head of Health & Life Science bei DORDA und berät Unternehmen sowie Investoren zu regulatorischen Fragestellungen im Rahmen von Transaktionen im Life-Science-Sektor.